Ein perfektes Kind, bitte!?

In einer Gesellschaft, in der Zeitmangel vorherrscht und das Streben, möglichst effektiv und individuell gewinnbringend zu leben, entwickelt sich der Kinderwunsch immer mehr zum erfolgsorientierten Projekt. In Kombination mit der Medizingläubigkeit gelangen wir in einen Bereich, der ethisch problematisch werden kann: die modernen Möglichkeiten vorgeburtlicher Diagnostik.

Phantastische Möglichkeiten 

Manchmal mutet es an, als seien wir in einem Science-Fiction-Film, aber Tatsache ist: Man kann im 21. Jahrhundert bereits in der Frühschwangerschaft etwa ab der 7. Schwangerschaftswoche durch Untersuchung von mütterlichem Blut das Geschlecht des ungeborenen Kindes feststellen. Dieses Wissen kann für ungeborene Kinder regelrecht lebensgefährlich sein. Immer noch ist es kulturell in einigen Ländern dieser Erde höchst unerwünscht, Mädchen zur Welt zu bringen. Die Folgen dieses Handelns wird die heranwachsende Generation tragen müssen, wenn zahlreiche Männer keine Lebenspartnerin in ihrem Alter finden werden. Aber auch das praktische Heranzüchten von Menschen ohne genetischen Makel (z.B. eines Brustkrebsgens) wäre noch vor Jahren undenkbar gewesen.

Große Verantwortung

Diese vermeintliche „Gesundheit“ wird durch einen hohen Preis erkauft. Immerhin müssen zahlreiche Embryonen, die der gesundheitlichen Norm nicht entsprechen, abgetötet – oder wissenschaftlich gesagt – verworfen werden. Wir sprechen von Größenordnungen bis zu einer Schulklasse pro Kind! Welches Leben ist lebenswert? Und wer entscheidet das? Ist deshalb vorgeburtliche Diagnostik (sog. Pränataldiagnostik) von vornherein abzulehnen? Man sollte nicht das Kind mit dem Bade ausschütten. Vorgeburtliche Diagnostik hat sehr wohl ihren Stellenwert. Im Ultraschall erkannte Fehlbildungen oder andere körperliche Erkrankungen des Kindes können beispielsweise die geplante Entbindung in einem Spezial-Krankenhaus ermöglichen. Sogar erste Operationen an Kindern mit offenem Rücken im Mutterleib werden heutzutage schon erfolgreich durchgeführt. Science-Fiction einmal konstruktiv. Und bei Erkrankungen, die nicht behandelt werden können, besteht immerhin noch die Möglichkeit, die Eltern auf das Geschehen in gewissem Maße vorbereiten zu können. So bleibt vorgeburtliche Diagnostik ein hochspannendes Thema, bei dem es keine Standardantworten gibt.

Die Methoden

Nicht-invasive Diagnostik

Grundsätzlich unterscheidet man nicht-invasive von invasiver Diagnostik. Nicht-invasive Diagnostik ist gekennzeichnet durch körperlich wenig belastende Verfahren, die Hinweiszeichen auf kindliche Fehlbildungen geben können:

  • Ultraschall (z.B. Nackenfalte 10./11. Woche; Spezialultraschall 18.-22. Woche)
  • Blutuntersuchung der Mutter (Hinweise auf Fehlbildungen; z.B. Ersttrimester-Screening, Alphafetoprotein [Marker für einen offenen Rücken], Triple Test)

 

Der Triple-Test beispielsweise gibt Wahrscheinlichkeiten für kindliche Fehlbildungen im Vergleich zu Schwangeren gleichen Alters und gleicher Schwangerschaftswoche an, eine konkrete Aussage im Einzelfall jedoch nicht. Wenn eine Frau aber nun erfährt, dass ihr individuelles Risiko statt bei sonst 1:300 bei 1:500 liegt, so bedeutet dies nicht mehr als 499 gesunde und ein betroffenes Kind. Andererseits könnte sie ein individuelles Ergebnis von 1:50 sehr verunsichern, obwohl 49 Kinder ein völlig normales Erbgut haben und nur ein Kind einen Gendefekt aufweist. Die so ausgelöste Verunsicherung werdender Eltern ist nicht zu unterschätzen. Meist mündet sie in dem Wunsch, nun noch mehr vermeintliche Sicherheit bezüglich eines Verdachtsmomentes erhalten zu wollen. Man entscheidet sich für eine invasive Diagnostik.

Invasive Diagnostik

  • Amniozentese (14-18. Woche)
  • Chorionzottenbiospie (8-11.Woche)

 

Und in der Tat ist die Aussagekraft einer Fruchtwasserpunktion (Amniozentese) hoch, allerdings um den Preis einer Fehlgeburtsrate von 0,5-1%. Das bedeutet, bei 200 Punktionen sterben 1-2 Kinder – unabhängig vom Befund, einzig und allein durch die Untersuchung. Bei der Untersuchung von späterem Mutterkuchenmaterial (sog. Chorionzottenbiopsie) sind es sogar 1-5% Fehlgeburten. Vorgeburtliche Diagnostik wird vor allem jenen Frauen angeboten, die ein sogenanntes Altersrisiko (> 35 Jahre) haben – eine Altersgruppe, die generell nicht so leicht schwanger wird. Hinzu kommt, dass selbst bei diesen invasiven Verfahren letztlich keine 100%ige Sicherheit erzielt werden kann, da selten die Möglichkeit von Mosaikfehlbildungen besteht: einige genetisch veränderte Zellen bei einem ansonsten völlig normalen Restorganismus.

Konsequenzen

Es sollte zu denken geben, dass sich 90% der werdenden Eltern, die den Verdacht der Erbgutveränderung des „Down-Syndroms“ erhalten, für den Abbruch der Schwangerschaft auch jenseits des dritten Monats entscheiden! Der Gesetzgeber hat kürzlich eine Neuregelung zu diesen Spätabtreibungen jenseits der 12. Schwangerschaftswoche verfasst. Demnach müssen zwischen dem ausgesprochenen Verdacht einer kindlichen Fehlbildung und dem Schwangerschaftsabbruch 3 Tage sowie eine spezielle Fachberatung zu dieser Fehlbildung liegen. Damit soll übereilten Entscheidungen vorgebeugt werden.

Zusammenfassend bleibt zu sagen, dass vorgeburtliche Diagnostik ihren Raum haben kann und darf. Andererseits sollte ganz vordergründig die Konsequenz der angedachten Untersuchungen im Vorfeld feststehen. Warum setzt man ein Kind den Gefahren einer Fehlgeburt aus, wenn ein Schwangerschaftsabbruch z.B. für die betreffende Familie nie in Frage käme? Aber vor allem tut es Not, dass wir eine Gesellschaft prägen, die Menschen mit Behinderungen integriert und nicht ausschließt. Eltern, die so mutig sind und sich für diesen Schritt entscheiden, ihr Kind brutto anzunehmen, sollten Unterstützung finden, auch z.B. in der problemlosen Bewilligung von Pflegeleistungen. Denn auch dies drückt indirekt aus, was unter lebenswertem und nicht lebenswertem Leben zu verstehen ist.

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