Tradition und Revolte

Der Grundton der Tradition: Sexualität als Gefährdung

Die christliche Theologie und Ethik hat die menschliche Sexualität lange Zeit mit großem Misstrauen betrachtet. Sie wurde vor allem als Verführung wahrgenommen, als Einfallstor der Sünde. Die Ehe hatte in dieser Sicht die Aufgabe, die wilden Kräfte zu kanalisieren und sicherzustellen, dass sie ausschließlich der Zeugung von Nachkommenschaft dienten. Dass Liebe und Sexualität das Leben emotional entscheidend bereichern, Beziehung entwickeln und stärken können, war kaum im Blick. Wie kam es dazu?

Der Einfluss anderer Religionen und Philosophien

Wie schon das alte Israel, sahen sich auch die ersten Christen Kulturen gegenüber, in denen die Sexualität religiös verehrt wurde. Es gab Liebesgötter und –göttinnen, die zum Teil mit Sexualriten angebetet wurden, aber auch Menschenopfer verlangen konnten. So versuchte man mit Hilfe der Religion, die unheimliche Macht des sexuellen Triebs irgendwie zu bannen. Für Juden wie für Christen verstieß das jedoch eindeutig gegen das erste Gebot und wurde deshalb strikt abgewiesen. Aber auch sie erfuhren die starken Kräfte der Sexualität und mussten sie irgendwie einordnen.

In der jungen Christenheit geschah das unter dem Einfluss einer Philosophie, die ursprünglich gar nicht christlich ist, aber das Verhältnis des Christentums zur Sexualität nachhaltig geprägt hat. Ihre Grundgedanken finden sich in verschiedenen Kulturen und Epochen. Den frühen Christen begegnen sie in Gestalt des Neuplatonismus, der sich als Weiterentwicklung der Lehren des griechischen Philosophen Plato (428-348 v. Chr.) versteht. Nach dieser Philosophie ist die Seele des Menschen eigentlich göttlicher Abstammung, aber sie ist in den Körper eingesperrt wie in ein Gefängnis. Anstatt sich zu geistigen Höhen zu erheben, muss sie den niederen Bedürfnissen und Leidenschaften des Körpers nachgeben, wie Essen, Trinken, Schlafen … und natürlich Sex.

„Ich dachte immer, Gott und Sex, das passt überhaupt nicht zusammen. Und Christen müssen auf die spannendsten Sachen im Leben verzichten, weil das eben heilig ist. Dann wär das ja kein Wunder, wenn das keiner mehr will. Also ist das gar nicht so christlich, wie viele denken?“ Erik (19)

Von der besonderen Berufung zum besseren Weg

Anders als in der Bibel wurde das Körperliche stark abgewertet und diese so genannte Leibfeindlichkeit hat sich mit dem christlichen Glauben verbunden. Es klingt ja ein bisschen ähnlich, wenn das Neue Testament sagt, wir seien unterwegs zum Reich Gottes und sollten uns nicht von unseren irdischen Bedürfnissen beherrschen lassen (Römer 14,17). Jesus hat sogar gesagt, dass man um seinetwillen alles verlassen müsse, auch die Familie (Matthäus 19,29). Und der Apostel Paulus hat tatsächlich für ein eheloses Leben geworben (1.Korinther 7,1).

Allerdings hat Paulus auch gesagt, dass dazu eine besondere Berufung gehört (1.Korinther 7,7-9). In der späteren Kirche dagegen erschien es allgemein als erstrebenswert, auf die geschlechtliche Liebe ganz zu verzichten, um frei für die Liebe zu Gott und dem Nächsten zu sein. Während das Evangelium klar sagt, dass allein Gottes Gnade von der Sünde rettet, wollte man sich nun durch Keuschheit besondere Verdienste erwerben, die andere Sünden aufwiegen. Ordensgemeinschaften bekamen zeitweise regen Zulauf. Nach und nach setzte sich in der römisch-katholischen Kirche auch der Zölibat durch, die Verpflichtung aller Priester auf die Ehelosigkeit. Sexuelle Bedürfnisse lassen sich aber nicht einfach abschalten, so dass viele auf diesem Weg in Konflikte kamen und kommen.

Ein sexualfeindlicher Grundton

Wer aus eigener Kraft die Sexualität aus seinem Leben verbannen will, wird sie mehr und mehr als Feind erleben. So kam es anstelle einer Vergötzung der Sexualität nun zu ihrer Verteufelung. Nicht nur die Versuchung zu illegitimem Sex, sondern die Sexualität überhaupt erschien als böse.

Dazu trug auch die von dem bedeutenden altkirchlichen Theologen und Kirchenvater Augustinus (354-430) entwickelte Lehre von der Erbsünde bei. Danach werde die grundsätzliche Sündigkeit des Menschen durch den Geschlechtsakt übertragen. Eine Lehrmeinung, die sich mit der Bibel nicht überzeugend begründen lässt, aber bis heute großen Einfluss hat. In einer von Männern dominierten Gesellschaft brachte diese Interpretation auch schlimme Folgen für Frauen mit sich, die als potenzielle Verführerinnen wahrgenommen wurden. Auch wenn sich inzwischen das Bild gewandelt hat und die Sexualität als großartige Gabe Gottes erkannt wird – die langen Schatten dieser Dämonisierung reichen bis in die Gegenwart!

Unter diesem negativen Vorzeichen konnte selbst der Sex in der Ehe nur ein Zugeständnis an die Schwachheit des menschlichen Fleisches sein. Allenfalls schien er zulässig zur Zeugung von Nachkommen, ohne die die Menschheit ja nicht weiterbestehen kann. Aber Spaß dürfe er eigentlich nicht machen. Die pure Freude aneinander, das Lusterleben als solches, war und blieb verdächtig. Diese einseitige und negative Wahrnehmung der menschlichen Sexualität musste irgendwann ihre Akzeptanz einbüßen.

Das Versprechen grenzenloser Freiheit: Die „sexuelle Revolution“

Seit den 60er Jahren wird in der westlichen Gesellschaft eine „sexuelle Revolution“ propagiert, die ein völlig anderes Verständnis der Sexualität vertritt. Sie hat ihre Wurzeln in der Aufklärung, die den Menschen durch die Vernunft von unhinterfragbaren Autoritäten befreien und zur Selbstbestimmung führen will.

Notwendige Aufklärung

Zunächst hat die Aufklärung die Tabuisierung des Sexuellen aber sogar noch verstärkt, denn Sexualität ist ja auch eine Kraft, die sich der Vernunft gerade zu entziehen scheint. Neue Erkenntnisse über Körper und Psyche des Menschen, aber auch über die Notwendigkeit offener Kommunikation, haben in den letzten Jahrzehnten zu einer tiefgreifenden Veränderung geführt. Dass heute über Sexualität offener gesprochen wird und nicht zuletzt Heranwachsende selbstverständlicher aufgeklärt werden können, ist zu begrüßen.

„Inzwischen kennt man das ja nur noch aus Filmen von früher, dass man nicht direkt über Sex geredet oder das irgendwie komisch umschrieben hat. Ich finde aber, es gibt auch ein Zuviel, wenn man mit allen über alles redet. Dabei will ich das manchmal echt nicht wissen.“ Anneke (17)

Verwerfung statt Weiterentwicklung

Die so genannte sexuelle Revolution will mehr und anderes. Sie zielt auf die umfassende Entkopplung der Sexualität von Ehe und Familie und die vollständige Legitimierung jeder Art sexueller Betätigung. Dabei soll jede Partnerkonstellation jederzeit frei wählbar sein. Inzwischen ist dieses Konzept von Sexualität sowohl in den tatsächlichen sozialen Beziehungen als auch in der virtuellen Welt der Medien das vorherrschende. Die traditionelle Sicht hat nicht nur notwendige Korrekturen erfahren. Sie wurde total verworfen und durch etwas anderes ersetzt.

Folgen

Längst zeigt sich: Grenzenlose Freiheit ist auch in der Sexualität eine Utopie. Ohne Respekt vor der Sexualität schwindet auch der Respekt vor den Menschen. Sexualität wird hemmungslos und mit hohen Gewinnen vermarktet, auf Kosten vieler Sexsklavinnen und –sklaven, aber auch mit Drogen und Drohungen gefügig gemachter Darstellerinnen und Darsteller in pornografischen Medien. Frauen werden nur noch als Sexualobjekte wahrgenommen, Männer auf ihre sexuellen Bedürfnisse reduziert. Besonders in Werbung und Medien ist die Sexualisierung unserer Kultur so weit vorangeschritten, dass sie nicht selten zu einer Abstumpfung führt und die sexuelle Erregbarkeit nahezu lahmlegen kann.

Eine neue Fragestellung

Angesichts dieser Lage müssen die Bedingungen neu entdeckt werden, unter denen Liebe und Sexualität zur Reife gelangen und sich entfalten können. Dabei darf die Sexualität nicht einseitig nur von ihren Gefährdungen wahrgenommen werden. Sie können aber auch nicht einfach ausgeblendet werden. Es geht um die Frage: Wie kann Sexualität in Freiheit und Verantwortung gelebt werden? Und was kann die so nachhaltig diffamierte christliche Tradition zu dieser Frage beitragen?

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