Die Ehe in der Perspektive des Evangeliums

Der Entwurf des Schöpfers

Der Schöpfer der Welt ist auch der Erfinder von Liebe und Sexualität. Deshalb versteht er etwas von der Liebe, ob man ihm das nun zutraut oder nicht. Gott entlässt den Menschen nicht orientierungslos ins Leben. Er legt ihm einen Entwurf vor, wie dieses Leben gelebt werden soll. Gott hat eine Vision davon, wie Liebe gelingt. Fassen wir diese Vision noch einmal zusammen:

  1. Die Gemeinschaft der Geschlechter entfaltet sich im Rahmen einer exklusiven und auf Dauer angelegten Partnerschaft.
  2. Diese Partnerschaft ist offen dafür, dass Kinder geboren werden und ein Zuhause haben, ohne dass die Sexualität allein zu diesem Zweck legitim ist.
  3. Diese Partnerschaft wird öffentlich erklärt und genießt so den rechtlichen Schutz der Gesellschaft.
  4. Diese Partnerschaft stellt sich unter den Segen Gottes und in die Gemeinschaft der Glaubenden.

Nicht jeder Mensch gelangt tatsächlich zu diesem Ziel. Manche sind zur Ehelosigkeit berufen. Andere finden schicksalhaft keinen Partner. Oder sie verlieren ihn viel zu schnell wieder. Ehen können scheitern. Nicht wenige Menschen erleben ihre sexuelle Identität so, dass sie diese Vision nicht einmal teilen können. Und auch wer aufrichtig versucht, diesen Weg zu gehen, kann erleben, dass das nicht immer gelingt. Die Fülle dessen, was Gott sich in der Schöpfung vorgestellt hat, wird keine Ehe auf Erden je erreichen. Wie leben wir mit einem Maßstab, der viele – wenn nicht alle – zu überfordern scheint?

Vision mit Gesetzesrang

Was wir als Lebensentwurf oder Vision bezeichnet haben, ist in der Theologie immer auch als Schöpfungsordnung verstanden worden. Sie hat Gesetzesrang; d. h. an ihr wird erkennbar, ob und wie weit Menschen Gottes Willen gerecht werden. Damit hat sie eine „richtende“ Funktion. Das Neue Testament stellt klar, dass nach diesem Maßstab jeder Mensch am Ziel vorbeilebt (Römer 3,23). So sehr, dass er sogar sein Leben verwirkt (Römer 6,23a).

Steht es wirklich so schlimm?

Nicht jeder Mensch wird sich subjektiv so schuldig fühlen, dass er den Tod verdient hat. Aber Gott sieht alle Schuld und alle Verbrechen der Menschheitsgeschichte. Soll das etwa in alle Ewigkeit ungesühnt bleiben? Das harte Urteil der Bibel ist nicht schockierender als das, was Menschen immer wieder anderen Menschen angetan haben. Nur scheinbar lässt sich diese ganze Schreckenslawine einzelnen Verursachern zuordnen. Jeder Mörder hat seine Geschichte, wie er zum Mörder wurde. Ein hoher Prozentsatz derer, die andere sexuell missbrauchen, hat in der Kindheit selbst Missbrauch erlebt.

„Ich kann mir vieles vorstellen. Aber nicht, dass Gott Vergewaltiger liebt. Da finde ich kann es keine Gnade geben. Obwohl … wer weiß, was so jemand erlebt hat. Ich finde es einfach schlimm, dass es so was gibt. Nein, ich kann solche Leute nicht lieben. Wenn Gott es kann … muss er sehr, sehr groß sein.“ Ariane (22)

Wer sich selbst keiner schweren Sünden bewusst ist, darf dankbar sein. Aber der Abgrund des Bösen schlummert in jedem. Millionen Menschen, die selbst vielleicht nie ein Kind missbrauchen würden, konsumieren trotzdem kinderpornografische Machwerke und unterstützen so die Verbrechen anderer. Wir würden vielleicht gern die Bösen von den Guten oder wenigstens die Besseren von den Schlechteren scheiden. Und uns selbst dabei natürlich zu den Guten zählen! Aber die Schuldgeschichte der Menschheit ist viel zu verwoben, um so Gerechtigkeit zu schaffen.

Gott selbst trägt das Urteil

Die gute Nachricht ist, dass Gott die richtende Kraft seines Gesetzes nicht mehr gegen uns wendet. Sie trifft vielmehr den einzigen Menschen, der es nicht verdient hätte (2.Korinther 5,21). Das Urteil über die Menschheit wird stellvertretend an Jesus Christus vollzogen (1.Thessalonicher 5,9f). Da der Sohn und der Vater eins sind, trägt eigentlich nicht ein anderer die Strafe, sondern der Richter selbst (Johannes 10,30). Anteil an diesem Freispruch hat jeder, der dieser guten Nachricht Glauben schenkt (Johannes 3,16). Wir müssen unsererseits nichts dazu beitragen. Es genügt, die Schuld zu bekennen, d. h. diesem Urteil Gottes zuzustimmen und so diese Vergebung anzunehmen (1.Johannes 1,9).

Anerkennung macht frei

Die Reformatoren haben drei verschiedene Funktionen der Gebote formuliert. Einer davon ist der „aufdeckende bzw. erziehende Gebrauch“ (lat. usus elenchticus bzw. paedagogicus). Im Spiegel des Wortes erkenne ich, dass ich Gottes Maßstäben nicht genüge, und erkenne sein Urteil an. Da die Strafe bereits durch Jesus getragen wurde, ist mir ein Neuanfang eröffnet. Meine Schuld belastet mich nicht mehr. Sie verliert auch die Macht, meine Zukunft zu beeinträchtigen. Nun kann es anders werden.

Vision mit Gestaltungskraft

Für das neue Leben in der Gnade Gottes braucht es Orientierung. Diese Orientierung bietet wiederum das Gesetz. Nun aber in einem anderen Modus, den wir „ausrichtend“ nennen wollen. Der Entwurf des Schöpfers wird für mich zu einer Zielvorgabe.

Lohnende Ziele

Die Reformatoren sprechen vom „Gebrauch in der Wiedergeburt“ (lat. usus in renatis). Die Gebote und Ordnungen Gottes beschreiben, wie es nach Gottes Willen sein soll, und motivieren dazu, den besten Weg dahin zu suchen. Dieser Charakter eines Lebensentwurfs oder einer Vision steckt bereits in dem hebräischen Wort, das bei Luther „Gesetz“ heißt: Torah. Seine Wurzel, das Verb jrh, bedeutet: lehren, weisen, zeigen, aber auch „mit einem Pfeil auf ein Ziel schießen“. Auch das griechische Wort für Sünde, hamartia, bezeichnet ursprünglich die Abweichung, mit der der Bogenschütze die Mitte der Zielscheibe verfehlt.

„Eigentlich bin ich ein guter Christ. Aber mit meiner Sexualität bin ich unzufrieden. Ich habe oft Phantasien, die echt schmutzig sind. Ich schäme mich dafür, aber ich genieße sie auch. Ich glaube sogar, dass Gott mir das vergibt. Aber ich möchte auch, dass da was anders wird bei mir.“ Ralf (36)

Wir sind es gewohnt, von Sünde als einem moralischen Makel zu reden. In sexualethischen Fragen gilt das sogar besonders. Wenn wir das Evangelium ernst nehmen, geht es aber eigentlich viel mehr um die Motivation, in unserem echten Leben dem näher zu kommen, was Gott sich vorstellt. Perfektion werden wir dabei nicht erreichen. Sogar der große Apostel Paulus schreibt: „Nicht dass ich es schon ergriffen hätte oder schon vollkommen bin! Ich jage ihm aber nach.“ (Philipper 3,12)

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