Die Ehe im biblischen Zeugnis

Wie wir die Bibel richtig verstehen

Würden wir einfach ein paar Sätze aus der Bibel als Anweisungen für heute verstehen, dann hätte z B. auch heute der Bräutigam einen Brautpreis zu entrichten (2.Mose 22,15f). Die standesamtliche Trauung dagegen würde entfallen, denn die kommt in der Bibel nicht vor. Deshalb beachten wir das Gesamtzeugnis der Bibel ebenso wie den kulturellen Zusammenhang. Gottes Wort redet in konkrete Situationen hinein, die den unseren oft nicht gleichen. Wir können aber die dahinter stehende Vision vom Miteinander der Geschlechter erkennen und in unsere Zeit übertragen.

Beispiel: Im ganzen Alten Orient war es üblich, dass ein Mann mehrere Frauen hatte. Auch die Bibel verbietet das nicht. Aber sie erzählt von Problemen, die damit verbunden sind. In der Schöpfung wird das Gegenüber von einem Mann und einer Frau vorausgesetzt und im Neuen Testament von Jesus bestätigt (Matthäus 19,4-6). Für Verantwortungsträger in der Gemeinde fordert Paulus die Ehe mit einer Frau (1.Timotheus 3,2-12). Mit dieser Tendenz lässt sich das biblische Verständnis der Ehe zwischen einem Mann und einer Frau gut begründen.

Geschaffen als Mann und Frau

Gott schuf den Menschen von Anfang an in zwei Geschlechtern (1.Mose 1,27) und verbindet das mit der Zeugung von Nachkommen (1.Mose 1,28). Es ist nicht gut, wenn der Mensch für sich allein bleibt. Er braucht ein gleichwertiges Gegenüber (1.Mose 2,18.20). Mann und Frau sind, was sie sind, nur durch den jeweils anderen. Sie werden „ein Fleisch“. Sie bilden eine Einheit, wie es sie in keiner anderen Beziehung gibt (1.Mose 2,24). Das heißt nicht, dass jeder Mensch einen Partner und Kinder haben muss. Es gibt sogar Menschen, die schon von ihrer körperlichen Ausstattung her nicht eindeutig als männlich oder weiblich zuzuordnen sind. Aber das Geschlecht gehört zum Menschsein und ist eng verbunden mit der Notwendigkeit, in Gemeinschaft zu leben.

Ehe – für die Bibel alternativlos

Sexuelle Gemeinschaft hat in der Bibel ihren selbstverständlichen Platz in der Ehe. Sie bietet dabei keine präzise Definition, was eine Ehe ist und womit sie beginnt. Offenbar akzeptiert sie die bestehende Praxis des alten Israel und des späteren Judentums und ordnet lediglich einige konkrete Fragen , z. B. zur Ehe mit kriegsgefangenen Frauen (5.Mose 21,10-14), bei einer Vergewaltigung (5.Mose 22,13-29) und zur Ehescheidung (5.Mose 24,1-5). Sex vor der Ehe ist kein Vergehen, das bestraft wird, doch soll daraufhin die Ehe unverzüglich auch offiziell geschlossen werden (2.Mose 22,15f). Ein längeres Zusammenleben ohne klaren Rechtsrahmen ist keine biblische Option. Man soll das sexuelle Verlangen aber nicht zurückdrängen, sondern ihm entschlossen den geeigneten Rahmen geben (1.Korinther 7,9). Die meisten biblischen Texte richten sich auf den Schutz der Ehe vor Ehebruch und sexueller Verwahrlosung sowie vor jeder Form von sexueller Gewalt (1.Mose 19,4-11; 34,1-31; Richter 19 und 20; 2.Samuel 13).

Sozialer Schutz für die Frau

Im alten Israel wie auch in vielen anderen Kulturen hatte die Frau deutlich weniger Rechte als der Mann. Sie konnte keine Ämter übernehmen und nicht eigenständig Geschäfte machen. Deshalb war ihre Existenz von einem Mann abhängig, der sie versorgte. Solange sie unverheiratet war, oblag dies ihrem Vater. Bei der Hochzeit ging diese Verpflichtung auf den Ehemann über. Witwen und Waisen gehören deshalb zu den sozial besonders gefährdeten Bevölkerungsgruppen (vgl. Psalm 68,6). Die alttestamentlichen Ehegebote zielen auch darauf, die Existenz der Frau zu sichern. So wird die heute kaum annehmbare Forderung ein wenig verständlicher, dass ein Vergewaltiger sein Opfer heiraten muss (5.Mose 22,28f). Dadurch wird wenigstens ihre Existenz gesichert, denn einen anderen Mann konnte sie nach dieser Tat nicht mehr finden. Das Beispiel zeigt auch, dass biblische Texte nicht immer als Handlungsanweisungen für heute gelesen werden können.

„Also, das ist schon echt krass, wie mit Frauen damals umgegangen wurde. Heute kann ich den Mann heiraten, den ich liebe, oder auch allein bleiben. Andererseits – man kann auch heute ganz schön reinfallen, wenn man einfach ohne klare Grundlage in eine Beziehung hineintaumelt.“ Ariane (22)

Die Ehe nicht brechen

Die Aufnahme sexueller Beziehungen zu jemand anderem als dem eigenen Ehepartner wird in der Bibel als Ehebruch bezeichnet. Er wird bereits in den Zehn Geboten scharf abgelehnt (2.Mose 20,14; 5.Mose 5,18) und mit der Todesstrafe geahndet (3.Mose 20,10). Jesus verschärft das Gebot in der Bergpredigt noch. Schon wenn ein Mann die Frau eines anderen begehrlich ansieht, kommt das einem vollzogenen Ehebruch gleich (Matthäus 5,28). Aufgrund der unterschiedlichen Rechtsstellung von Mann und Frau konnte ein verheirateter Mann sich aber eine weitere Frau nehmen, wenn diese noch ledig war.

Sexualität braucht einen klaren Rahmen

Der Ehebruch setzt immer eine vorhandene Ehe voraus. Für ein Ausleben sexueller Bedürfnisse ohne jede geordnete Beziehung stehen in der Lutherbibel die Begriffe „Unzucht“ und „Hurerei“. Dazu gehören Sex zwischen Verwandten (3.Mose 18,17; 20,14; Hesekiel 22,11; 1.Korinther 5,1.9f) und Prostitution (1.Mose 38,24; 3.Mose 19,29; 4.Mose 14,33). Ein Ehebruch (Hesekiel 16,22) kann auch, wie homosexuelle Handlungen (3.Mose 18,22; 20,13) und Travestie (5.Mose 22,5), als „Gräuel“ bezeichnet werden. Immer geht es dabei um eine grundsätzliche und willentliche Weigerung, innerhalb einer von Gott gegebenen Ordnung zu leben. Deshalb werden diese Begriffe auch für Götzenanbetung (vgl. Hesekiel 16 und 23; Matthäus 24,15) und falschen Gottesdienst (z. B. Sprüche 21,27) sowie andere Formen der Ungerechtigkeit (5.Mose 25,16) und Gewalt (Hesekiel 33,26.29) benutzt, unter anderem für das Opfern von Kindern (Jeremia 32,35).

Die Liebe braucht ein sicheres Zuhause

Die Bibel bettet die menschliche Sexualität in eine Beziehung ein, in der die Partner ausschließlich und auf Dauer füreinander da sind. Diese Beziehung stellt zugleich den Raum her, in dem Kinder in Liebe und Geborgenheit heranwachsen können. Der Zusammenhang zwischen Sexualität und Fortpflanzung liegt nicht nur darin, dass im Geschlechtsakt Nachkommen gezeugt werden können. Indem die Sexualität die Partner in einer einzigartigen Weise miteinander verbindet, dient sie auch dem Zusammenhalt der Familie, in deren Schutz die Nachkommenschaft heranwachsen kann. Die sexuelle Gemeinschaft kann also nicht auf den Zweck der Fortpflanzung verengt werden. Sie hat ihren eigenen Wert für die eheliche Beziehung, solange sie besteht. Weil Ehe und Familie von außen wie von innen gefährdet sind, ist es das vorrangige Interesse der Bibel, diese Beziehung und die darin lebenden Menschen vor Gefährdungen zu schützen.

Ein Gleichnis göttlicher Liebe: Die einzigartige Beziehung zwischen den Geschlechtern wird in der Bibel zum Gleichnis für das Verhältnis zwischen Gott und seinem Volk (Hosea 2,21f) bzw. zwischen Christus und seiner Gemeinde (Epheser 5,25). So eng will Gott sich mit seinen Menschen verbinden! Ihn zu missachten wäre skandalöse Untreue (Hosea 1,2). Damit ist keine Vergöttlichung der Sexualität verbunden, wie es sie in anderen Kulturen gibt. Die Ehe gehört ganz und gar zur Schöpfung. In Gottes zukünftigem Reich hat sie keine Funktion mehr (Matthäus 22,30). Die Sexualität ist eine großartige Gabe Gottes, die die liebende Kraft Gottes geradezu rauschhaft erahnen lassen kann. Aber sie ist kein Weg zu Gott. Zwei Menschen können „ein Fleisch“ werden, aber sie werden auf diesem Wege niemals eins mit Gott. Deshalb trennt Sünde in diesem Bereich nicht mehr von Gott, als es jede andere Sünde auch tut. In ihren Auswirkungen auf den Lebensweg, auf die Beziehung zu anderen und auf die eigene Seele kann sie zwar sehr tief gehen, aber sie kann zugegeben und vergeben werden, damit ein Neuanfang möglich wird.

Liebe will reifen

Im Hohenlied Salomos wird die Liebe zwischen Mann und Frau leidenschaftlich und in eindeutig sinnlichen Bildern besungen. Aber das Hohelied weiß auch um eine der Liebe innewohnende Dynamik, die nicht forciert werden soll (Hoheslied 2,7; 3,5; 8,4). Es schildert, wie die Liebe zwei Menschen unwiderstehlich zueinander zieht, bis die Entscheidung füreinander gereift ist. Dass diese Entscheidung in die Ehe mündet, ist für die Bibel durchweg selbstverständlich. Dies geschieht jeweils in den kulturellen Formen, die die Gesellschaft dafür bereitstellt. Eben dies wird für die Gläubigen zur Herausforderung, wenn sich diese kulturellen Gestalten wandeln.

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