Den Weg zur Ehe gestalten

Realistische Ziele setzen

Dem Trend zu immer früherem Sex steht der Trend zu einer immer späteren Heirat gegenüber. Zwischen 1991 und 2008 – in nur 17 Jahren – ist das Durchschnittsalter der Eheschließenden bei Frauen von 28,5 auf 33 und bei Männern von 26,1 auf 30 Jahre gestiegen (Quelle: Statistisches Bundesamt). Ein eheorientiertes Verständnis der Sexualität muss sich deshalb auch die Frage stellen, wie lange wir warten sollten und warum.

Gereifte Liebe ernst nehmen

In erster Linie fordert die Bibel nicht dazu auf, sexuelle Wünsche zurückzudrängen, sondern bewusst die Voraussetzungen zu schaffen, damit sie sich erfüllen können. Einerseits braucht jede Ehe die Gewissheit der Partner. Sie sollte nicht überstürzt geschlossen werden, auch nicht allein deshalb, weil es schon zu sexuellen Kontakten gekommen ist. Aber wenn diese Gewissheit so gewachsen ist, dass man alles, auch seine Sexualität, bewusst miteinander teilen will, steht auch einer nach außen hin transparenten verlässlichen Bindung nichts im Weg.

„Ich habe mich entschieden zu warten. Manche werden das blöd finden, aber vielleicht mache ich damit auch anderen Mut. Ich weiß nicht, ob ich diesen Weg wirklich durchhalte. Aber es lohnt sich für mich auf jeden Fall, es zu versuchen.“ Uwe (27)

Ehe nicht ideologisch überhöhen

Auch die Ehe kann zu einem Mythos werden, der die Entscheidung dafür nahezu unmöglich macht. Rechtlich ist sie einfach eine bewährte Lebensform, in die man für eine dauerhafte Paarbeziehung eintreten kann. Sie bietet Regelungen für das Zusammenleben, für die Bildung gemeinsamen Besitzes und die Erziehung von Kindern, die man auch ohne förmlichen Eheschluss irgendwie finden muss. Sie gibt der Erwartung nach Treue und Verlässlichkeit einen anerkannten Ausdruck, die Liebende ohnehin haben. Eine Garantie, dass die Liebe ein Leben lang hält, kann und muss niemand vorab geben. Der Schmerz, den eine Trennung bei denen verursacht, die eigentlich beieinander bleiben wollten, hängt nicht von der Rechtsform ab. Die Ehe kann aber eine entscheidende Hilfe dabei sein, eine Liebe auch durch heftige Krisen hindurch zu bewähren.

Maximale Existenzsicherheit nicht zur Voraussetzung machen

Man muss mit der Ehe auch nicht zwingend warten, bis die Partner ihren Bildungsweg abgeschlossen und klare berufliche Perspektiven haben. Gibt es diesen Zeitpunkt heute überhaupt noch? Paare können diese Ziele auch gemeinsam erreichen. Als evangelische Christen haben wir ein Ja zu allen Formen der Empfängnisregelung, die darauf abzielen, in erster Linie die Befruchtung zu verhindern. Das erste Kind kann also dann geplant werden, wenn es ein einigermaßen stabiles Zuhause findet. Wobei man wissen muss, dass es keine zu 100 % sichere Methode der Empfängnisregelung gibt. Wer Sex hat, gibt dem Schicksal die Chance, dass es zu einem neuen Menschenleben kommt. Dazu sollte man im Fall der Fälle ein Ja haben. Das gilt ohne Eheschließung aber genauso.

Bindungsängste entdecken und überwinden

Dass die endgültige Entscheidung für einen Partner immer später fällt, ist neben gesellschaftlichen und berufspolitischen Entwicklungen auch Ausdruck einer Bindungsangst, die ein typisches Merkmal unserer Kultur ist. Noch nie in der Menschheitsgeschichte hatte eine breite Bevölkerungsmehrheit so viele Optionen der Lebensgestaltung. Umso schwerer fällt es aber auch, sich zu entscheiden. Niemand kann diese Ängste einfach abschalten, aber es ist schon ein erster Schritt, sie zur Kenntnis zu nehmen. Weichenstellungen in unserem Leben sind nicht nur schicksalshaft. Sie haben mit uns und unseren eigenen unbewussten Entscheidungen zu tun. Auch die Weigerung, sich zu entscheiden, ist eine Entscheidung. Vielleicht ist die Angst vor einer endgültigen Bindung so stark, dass sie nur durch einen therapeutischen Prozess überwunden werden kann. Wir machen Mut, in diesem Fall auch einen solchen Weg zu gehen. Mehr zum Thema Bindung findet sich übrigens auf unserer Themenseite Beziehungen gestalten.

Mit Gefühlen realistisch umgehen

Denen, die sich gefunden haben, raten wir: Redet darüber, wie ihr euren gemeinsamen Weg gestalten wollt. Fasst und gestaltet die Entscheidung bewusst, wenn ihr mit dem Sex bis zur Ehe warten wollt. Wenn ihr es dem Zufall überlasst, wird euch die Dynamik der Gefühle wahrscheinlich überrumpeln. Wir halten Empfehlungen, vor der Hochzeit keinerlei Zärtlichkeiten auszutauschen, für überzogen. Aber ihr solltet Grenzen vereinbaren.

Nikolaus Franke, Jugendreferent beim Weißen Kreuz, empfiehlt die folgenden Selbstverpflichtungen:

  • nicht gemeinsam in einem Bett übernachten, ggf. auch nicht in einem Zimmer
  • nicht im Bett zu viele Filme schauen
  • diejenigen Körperpartien nicht berühren, die im Freibad von Bikini oder Badehose bedeckt sind
  • sich nicht voreinander ausziehen
  • keine langen Massagen, wenn man darauf erotisch reagiert
  • nicht zu zweit in den Urlaub fahren
  • sich gegenseitig keine Nacktbilder zur Verfügung stellen

Beziehung ganzheitlich gestalten

Natürlich darf und muss es Zeiten geben, in denen ihr ganz füreinander da seid. Ihr lernt euch aber auch durch Dinge besser kennen, die ihr innerhalb einer Gruppe mit anderen zusammen macht. Nicht nur Zärtlichkeiten lassen die Liebe reifen, sondern auch gemeinsam bewältigte Herausforderungen, z. B. in Schule, Studium und Beruf, im Sport oder auch im sozialen Engagement.

Vorgeschichte klären

Aber was ist, wenn das Thema schon längst durch ist? Kann jemand, der schon auf die eine oder andere Intimbeziehung zurückblickt, trotzdem zu einer Ehe finden, die dem biblischen Entwurf folgt? Ja, selbstverständlich! Gnade heißt nicht nur, dass Schuld vor Gott vergeben wird. Sie ermöglicht auch einen neuen Anfang. Nicht so, dass sie einfach alles ungeschehen macht. Sexuelle Erfahrungen gehen sehr tief. Sie sind aus der Erinnerung nicht auszuradieren, gehören zur sexuellen Lerngeschichte. Aber diese Geschichte darf weitergehen. Auch so, dass zwei Menschen sich und ihre Liebe endlich so ernst nehmen, dass sie ihr in der Ehe den wirklich geeigneten Rahmen geben. Bevor das geschieht, sollten sie offen über ihre Vorgeschichte reden. Natürlich nicht nur über sexuelle Vorerfahrungen, aber auch darüber, damit man sich gegenseitig die Vergebung zusprechen und diese auch annehmen kann.

Das Lebensdienliche der Ehe entdecken und nutzen

Das biblische Zeugnis von der Ehe will die Liebe nicht beengen. Im Gegenteil! Liebende sollen sich einander hingeben können in der Gewissheit, dass sie einander wirklich ganz gehören. Sie sollen unbefangen miteinander Sex haben können, ohne Vorbehalt und ohne Angst vor ungewollten Schwangerschaften. Die Liebe soll organisch weiterführen zu einer Gemeinschaft, in der neues Leben ein Zuhause findet.

Die gesetzliche Ehe bietet nach wie vor dafür den geeigneten Rahmen. Sie gibt der Partnerschaft die nötige Rechtssicherheit und hilft den Partnern zugleich, zu ihrer Entscheidung zu stehen. Und wer seine Gemeinde liebt, wird auch ihren Segen gern in Anspruch nehmen. Natürlich kann all das das Glück nicht garantieren. Gelingende Partnerschaft will immer neu gesucht und gewagt werden. Und es bleibt eine Tatsache: Auch Ehen, die nach bestem Wissen und Gewissen mit Gott begonnen werden, können scheitern. Dennoch lohnt es sich, das gemeinsame Nest von Anfang an auf gutem Grund zu bauen.

You’ll never walk alone

Dieser Weg mag herausfordernd sein. Wir wagen ihn zu empfehlen, weil wir wissen, dass ihn niemand aus eigener Kraft gehen muss. Paulus schreibt über das Leben im Glauben: „Gott ist's, der in euch wirkt beides, das Wollen und das Vollbringen.“ (Philipper 2,13) Gott will, dass unser Leben gelingt und auch unsere Liebe. Der Erfinder der Liebe wird den Liebenden ein Verbündeter sein.

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