Definition und Ursachen

 Was ist Internet-Sexsucht?


Das Internet ist voller anonymer sexueller Angebote, die schnell verfügbar sind: Videos, Bilder, Chats. Das Verlockende dabei ist: Man kann Sexualität ausleben, ohne die Nachteile einer Beziehung in Kauf nehmen zu müssen. Online-Pornografie bietet viel Nutzen bei wenig Aufwand. So betrachtet, sind Pornos eine kurzfristig effektive Lösung. Die Folge: Der Lustgewinn kann sich ähnlich wie bei anderen stimulierenden Mitteln schnell zu einer Sucht entwickeln, von der Betroffene nur schwer wieder loskommen.

Wie jede Sucht führt Internet-Sexsucht irgendwann dazu, dass das Suchtmittel wichtiger wird als die Beziehungen zu sich selbst, dem Lebenspartner oder Freunden. Zum Erlangen des Suchtmittels werden Prioritäten verschoben und die Menschen im echten Leben immer unwichtiger. Das führt irgendwann zu Spannungen in Beziehungen, aber auch mit der eigenen Identität. Die Realität des wahren Lebens und die Fiktion aus dem Internet können verschwimmen, das Selbstbild leidet. Man reagiert irritiert und zieht sich zurück. Häufig isoliert deswegen Internet-Sexsucht Betroffene von ihren Mitmenschen mehr und mehr.

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Zahlen und Fakten

Man geht davon aus, dass für 3 bis 4 Prozent der derzeit 32 Millionen Internetbenutzer in Deutschland, also für ca. 1 Million Menschen, der Gebrauch des Internets als problematisch einzustufen ist (1). Einige sind chatsüchtig, manche sind spielsüchtig – darunter viele Jugendliche, die den Bezug zur Realität in den fiktiven Welten der Onlinespiele verlieren. Insgesamt 4 Prozent der Jugendlichen zwischen 14 und 16 Jahren gelten als internet-abhängig (2). Die dritte Gruppe der Internetsucht ist die Internet-Sexsucht. 42 Prozent aller Internetnutzer schauen Pornografie. Die Schätzungen verschiedener Statistiken sagen aus, dass in Deutschland etwa 200.000 bis 500.000 Menschen internet-sexsüchtig sind. Beim Blick auf die Zahlen derjenigen Nutzer, die täglich Pornos konsumieren, scheint diese Zahl noch untertrieben: Glaubt man der größten sexualwissenschaftlichen Onlinebefragung Deutschlands aller Zeiten, konsumieren 17,2 Prozent der deutschen Männer täglich Pornografie (3).

Zahlen Internetpornografiekonsum Pastötter 2008

 

Wie kommt es zu Internet-Sexsucht?

Die Gründe einer Sucht kann man nicht verallgemeinern. Sie sind vielseitig und bedingen sich wechselseitig. Eine hauptsächliche Ursache ist aber, dass das Internet kostengünstig, schnell und anonym eine sexuelle Befriedigung bietet, losgelöst von festen Beziehungen. Online-Sex-Angebote decken sich mit dem Wunsch, Sex als eine rein körperliche Erfahrung zu erleben, während die anderen, „mühsameren“ Facetten eine untergeordnete Rolle spielen. Leidenschaft, Fähigkeit zur Liebe, ein wirkliches Miteinander sind nicht so wichtig für das Erleben von Sexualität oder verlieren durch die Sucht noch mehr an Bedeutung. Weitere Gründe können emotionale Vernachlässigungen oder Überforderungen sein, die das Denken und Handeln eines Menschen und somit auch den Umgang mit Sexualität beeinträchtigen, beispielsweise dann, wenn Menschen keinen ausgewogenen Zugang zu ihren Gefühlen haben. Oder wenn Menschen zu viel sexuelle Nähe oder sexuelle Grenzüberschreitungen erlebt haben. Sie stehen besonders in Gefahr, sexuelle Erfahrungen losgelöst von Gefühlen oder Beziehungen zu suchen. Menschen, die sexuell missbraucht wurden, haben oft Angst vor einer sexuellen Beziehung zu einer wirklichen Person und suchen ihre sexuelle Befriedigung alleine. Dazu ist das Internet ein willkommenes Hilfsmittel, denn es erlaubt das Aufrechterhalten von Kontrolle bei gleichzeitiger Illusion von Nähe.

Doch damit sich eine sexuelle Sucht entwickelt, muss kein problematischer Hintergrund vorliegen. Zu hoch ist die Zahl derer, die in der größten sexualwissenschaftlichen Onlinebefragung Deutschlands eine tägliche Nutzung von Pornografie angeben: ca. 10% (3). Darunter sind auch viele Personen, die nicht als typischerweise Gefährdete gezählt werden können. In den meisten Beratungsgesprächen spielt daher der Blick in die Persönlichkeit und Vergangenheit eine untergeordnete Rolle. Wichtiger ist, die Funktion der Sucht im Hier und Heute herauszubekommen.

Die Funktion im Hier und Heute verstehen

Die Berater des Weißen Kreuzes haben dabei immer wieder ein vergleichbares Muster herausarbeiten können. Demnach steht im Zentrum einer Pornosucht oft ein unreguliertes, negatives Gefühl (I). Im Gehirn des Süchtigen ist abgespeichert, wie bisher mit diesen negativen Gefühlen umgegangen wurde (II). Dahinter stehen Bahnungen (Konditionierungen) im Gehirn. Das führt zu einer Geneigtheit, in bestimmten emotionalen Zuständen Internet-Sexangebote in Anspruch nehmen zu wollen. Manchmal kommen dann noch zusätzliche Auslöser hinzu (erotische Filmszenen oder Werbung, Alleinsein, mit Pornografie konditionierte Situationen, Gegenstände oder Beschäftigungen) (III). Danach beginnt das dem Internet-Sexsüchtigen eigene Ritual, welches meist nach einem ziemlich gleichen Prozedere abläuft, aber immer das Ziel hat, die negativen Grundgefühle kurzzeitig zu betäuben und in Lust-, Rausch-, Machtgefühle uvm. zu verwandeln (IV). Nach dem Konsum selbst sind die Betroffenen dann aber meist weniger glücklich als vorher, sondern eher enttäuscht. Duldet ein Mensch nun lange Zeit diesen Mechanismus der Gefühlsbewältigung, wird das Effekte auf seine Persönlichkeit, seine sozialen Beziehungen, seine Lebensumstände und seine Suchtwahrnehmung haben. Die Sucht verstärkt sich selbst und riegelt sich gegen Veränderungsprozesse ab (V).

Interpornographie als Gefuehlsregulation

Fußnoten:

(1) Quelle: Pinta-Studie 2011, S .3

(2) Quelle: Petersen, Uwe / Thomasius, Rainer (u.a.): Pathologischer Internetgebrauch – Epidemiologie, Diagnostik, komorbide Störungen und Behandlungsansätze 2009, S. 4.

(3) Quelle: Jakob Pastoetter, Nicolas Drey, Anthony Pryce: Sex-Studie 2008 – Sexualverhalten in Deutschland. DGSS und City University London. Duesseldorf-London 2008.