Gemeinsame Beziehungsgestaltung

„Manchmal habe ich das Gefühl, ich lebe mit einem Fremden zusammen. Dabei würde ich so gerne mit meinem Mann an einem Strang ziehen, ein Wir sein. Seit über zwanzig Jahren erziehen wir die Kinder und gehen beide arbeiten. Wir sehen uns kaum noch. Und wenn doch, reden wir aneinander vorbei. Eigentlich kennen wir uns gar nicht wirklich.“ Yvonne, 51

Was wir gemeinsam besser machen können

In einer Beziehung kann man nur eine gewisse Zeit lang vortäuschen, als ob alles gut läuft. Auf Dauer besteht die einzige Chance für eine Beziehung tatsächlich nur darin, sich der Realität bewusst zu werden. Mit den folgenden Fragen können Sie eine erste gemeinsame Bestandsaufnahme wagen:

Fragen zur Bestandsaufnahme:

  • Sind wir füreinander offen?
  • Sagen wir uns die Wahrheit?
  • Reden wir beide wirklich miteinander?
  • Sprechen wir Probleme – auch die alltäglichen – an, wenn sie auftauchen?
  • Können wir einander zuhören?
  • Stellen wir die richtigen Fragen, um zu erfahren, was wir wissen müssen?
  • Was müssen wir über die Familie des Partners, seine Beziehung zu Kindern und über seine Lebensgewohnheiten wissen?
  • Welche Werte vertritt der Partner?
  • Geben wir unsere Bedürfnisse zu?
  • Leben wir ein offenes und authentisches Miteinander?
  • Können wir uns frei geben und positive und negative Gefühle zulassen?

Einander kennen (lernen)

Um an unseren Beziehungen zu arbeiten, müssen wir einige Voraussetzungen mitbringen, wie etwa Bereitschaft zur Nähe. Manche gehen einer direkten Konfrontation aber lieber aus dem Weg. Manche haben nach einer Trennung auch das Gefühl, dass man sich gar nicht richtig kennen gelernt hat. Das ist gar nicht so selten: Viele Menschen leben zusammen und sind sich dennoch fremd. Man findet schnell Rituale des Zusammenlebens, die Sicherheit vermitteln, aber längst noch keine Begegnung sind. Selbst Sexualität kann zu einem Ritual werden. Sex reicht aber nicht, um eine haltgebende Bindung zu schaffen. Solch ein Konstrukt kann auch nach sechzig Jahren noch scheitern. Geschlechtsverkehr allein kann sogar ein Ausdruck von Beziehungslosigkeit sein. Er kann ein Ersatz für wirkliche Intimität sein oder ein Weg, um seelische Intimität zu vermeiden. Beziehungen gelingen dann, wenn wir uns bemühen, uns so zu zeigen, wie wir wirklich sind, wenn wir uns verletzlich machen. In den Momenten, in denen wir in einer Beziehung Schwächen zugeben, um Entschuldigung bitten, entsteht Tiefe.

Miteinander teilen

Eine stabile Beziehung entsteht, wenn man sich Zeit füreinander nimmt. Wenn wir uns ständig nur mit Arbeit, Krankheit oder dem Alltag beschäftigen, bleibt für den anderen kein Raum. Vielleicht teile ich mich aber auch nicht wirklich mit dem anderen. Wenn wir zu häufig das Wort „mein“ verwenden, wenn wir von meiner Arbeit, meinen Freunden, meiner Familie, meinen Hobbys reden, könnte das auf eine innere Grenze hinweisen: Schließe ich meinen Partner zu sehr aus? Natürlich muss man nicht alle Türen gleich öffnen, aber das Teilen sollte im Vordergrund stehen. Wenn wir zu viel verbergen und zu wenig investieren, besteht die Gefahr der Entfremdung und mangelnder Bindung.

Miteinander reden

Eine wichtige, wenn nicht sogar die entscheidende Voraussetzung für eine gelungene Beziehung ist Kommunikation. Durch Gespräche können tiefgehende, glückliche Stunden entstehen, von Ehrlichkeit und Offenheit geprägt. Obwohl das die meisten wissen, scheitern viele Beziehungen leider genau daran. Zu einer guten Gesprächskultur gehört neben mehreren Faktoren zunächst eins: Zeit. Wenn Arbeit und die alltäglichen Herausforderungen Menschen zu stark in Beschlag nehmen, können Partner schnell nebeneinanderher leben. Dagegen helfen eine gemeinsame Kaffeepause oder fernsehfreie Abende, Autofahrten, Sonntagsspaziergänge oder die gemeinsame sportliche Aktivität. Von selbst ergeben sich ruhige Gesprächszeiten meistens nicht.

Falls Sie aus der Übung sind, haben wir hier ein paar Themenvorschläge für ein gemeinsames Gespräch:

  • Teilen Sie sich Ihre Erlebnisse des Alltags mit.
  • Klären Sie alltägliche Herausforderungen.
  • Lesen Sie gemeinsam Bücher und Zeitschriften und tauschen Sie sich darüber aus.
  • Planen Sie Ihren Urlaub gemeinsam.

 

Nicht nur Themen sind wichtig, sondern auch die Art der Kommunikation. Folgende Fragen können Ihnen Klarheit über Ihre Kommunikationsfähigkeit verschaffen:

  • Können wir einander zuhören?
  • Nehmen wir die Gefühle des anderen wahr?
  • Begegnen wir einander als Erwachsene oder eher als kritische oder überfürsorgliche Partner?
  • In welchem Ton reden wir miteinander?
  • Können wir miteinander Lösungen für Probleme finden?

Gemeinsam handeln

Zu einer erfüllten Beziehung gehören nicht nur tiefe Gespräche und gemeinsame Interessen, sondern auch das gemeinsame Erleben. Manchmal bewirkt die gemeinsam erledigte Gartenarbeit, das Aufräumen im Haushalt oder das Kümmern um andere Menschen mehr als stundenlange Gespräche.

Einander freilassen

Wenn Partner sich nur miteinander befassen, wird die Beziehung irgendwann fade. Manchmal überfordert man den anderen sogar, weil man erwartet, dass der andere die eigenen Sehnsüchte erfüllt – was er unmöglich leisten kann. Der Frust ist vorprogrammiert. Wenn wir nur isoliert in unserer Familie leben, verkümmern wir außerdem. Unsere Persönlichkeit kann nur im Zusammenleben mit vielen Kontakten wachsen und sich entfalten. Zu Beginn einer Beziehung möchten Verliebte nichts anderes, als viel Zeit miteinander zu verbringen. Das ist auch verständlich, aber auf Dauer ist es wichtig, sich und den anderen immer wieder freizugeben: für die berufliche Entwicklung und die Pflege von Hobbys und Freundschaften.

Zärtlich zueinander sein

Unter Zärtlichkeit wird nicht vornehmlich die körperliche Intimität verstanden, sondern die vielen feinen Facetten des Miteinanders, die leisen Zwischentöne: eine aufgehaltene Tür, ein kurzes Zuzwinkern, eine zärtliche Geste mit der Hand, ein kleiner Gruß auf dem Küchentisch, der einfache Hautkontakt. Dazu gehört auch die Fähigkeit zuzuhören und einander das Leben einfacher zu machen. Zärtlichkeit hat viele Gesichter und ist etwas Zauberhaftes und Geheimnisvolles. Leider haben viele Eltern ihren Kindern das nicht genügend vorgelebt, sodass diese als Erwachsene Zärtlichkeit erst mühsam erlernen müssen. Dazu gehört auch die Fähigkeit, die emotionale Resonanz zu schulen. Das ist die Fähigkeit, auf die Stimmung des anderen einzugehen: Die Gefühle, das Denken und das Handeln sollen wahrgenommen und formuliert werden.

Zusammen geistlich wachsen

Eine geistliche Einheit als Paar ist nur möglich, wenn jeder sein selbständiges geistliches Leben führt. Wenn in einer Beziehung ein Partner allerdings regelmäßig eine Kirchengemeinde besucht, geistliche Literatur liest, Seminare besucht und im Gespräch mit anderen Christen ist und der andere nicht, besteht die Gefahr, sich auseinanderzuleben. In diesem Fall ist es wichtig, eine ausgewogene Gestaltung der geistlichen Entwicklung zu besprechen. Wenn ohnehin nur einer von beiden Christ ist, ist eine Beziehung schwierig zu gestalten. Denn bei einem Menschen, der als Christ lebt, haben alle Lebensbereiche einen geistlichen Bezug, weshalb der gemeinsame Nenner sehr klein werden kann. Bei zwei Menschen aus unterschiedlichen Frömmigkeitsstilen können große Unterschiede auftreten, die sowohl bereichernd als auch trennend sein können. Die Gottesdienststile, die Intensität der Gemeindemitarbeit, die persönliche Bedeutung von Stille, Leben mit der Bibel und dem Gebet sind dabei nur einige Aspekte. Wichtig ist bei allen drei Varianten, dass Sie miteinander im Gespräch bleiben und immer wieder versuchen, gemeinsame Schnittmengen zu finden.

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