Ausdruck und Folgen von Beziehungsunfähigkeit

„Wenn ich mir mein bisheriges Leben und das meiner Singlefreundinnen anschaue, läuft es immer so ab: Man lernt einen Mann kennen, findet sich sympathisch, aber sobald daraus eine Beziehung werden kann, macht der Typ einen Rückzieher. Deshalb habe ich immer mehr Angst, einem Mann meine Gefühle zu zeigen, weil ich denke, dass ich ihn damit in die Flucht schlage.“ Christiane, 28

Wenn man lieben will, aber nicht kann

Bindungsangst ist weit verbreitet. Immer mehr Jugendliche, aber auch Erwachsene und zunehmend auch Senioren ziehen eine Eheschließung erst gar nicht mehr in Betracht. In einigen Ländern wurden Lebensgemeinschaften der Ehe deshalb weitgehend gleichgestellt. Manche Paare planen ihr Leben sogar direkt so, dass sie sich trennen, sobald die Kinder aus dem Haus sind. Man bezeichnet diese Beziehungsform als serielle Monogamie.

Zahlen und Fakten zur Entwicklung von Partnerschaften und Familien

Warum trauen sich Menschen immer weniger eine rückhaltslose Partnerschaft zu, obwohl sie Sehnsucht danach haben? Viele sind bei der Suche nach einem Partner so enttäuscht worden, dass sie neuen Menschen gegenüber nicht mehr aufgeschlossen, sondern misstrauisch sind. Viele geben auch auf, weil sie nie wirklich gelernt haben, wie man Beziehungen knüpft. Wenn es schließlich doch gelingt, tun sich oft neue Hürden auf und immer mehr Menschen fehlt das Handwerkzeug, um sie zu meistern.

Die Unsicherheit ist groß: Wie soll ich mich einem Partner gegenüber verhalten, der Angst hat, eine Bindung einzugehen? Wieso hat mein Partner Angst, dass ich ihm zu nahe komme? Warum bekomme ich in Beziehungen Angst? Wie finde ich heraus, ob ich generell Angst vor Bindung habe oder nur speziell bei dieser Person? Ich suche ständig Partner, die Angst haben, sich auf eine Bindung einzulassen – was sagt das über mich aus?

Warum wir uns nicht (ver)trauen

Die Lüge der Selbstverwirklichung

Wenn wir das Wort Selbstverwirklichung als Entfaltung unserer Begabungen und Möglichkeiten verstehen, ist sie erstrebenswert. Häufig wird sie aber anders verstanden: „Ich will das tun, wozu ich Lust habe, und nicht von Zwängen gehindert werden.“ Bei dieser Definition geht es vor allem um die Befriedigung eigener Bedürfnisse. Vielfältige Bindungen werden als Unfreiheit betrachtet. Das private Selbst wird kultiviert. Die Bedürfnisse der Gemeinschaft werden außer Acht gelassen. Mit diesem Verständnis von Selbstverwirklichung verweigern wir uns den Ansprüchen des Nächsten. Das vordergründige Streben nach Spaß und die zunehmende Lustlosigkeit für die Herausforderungen der Gemeinschaft verhindern das Entstehen echter Beziehungen. Aus Angst vor schmerzhaften Erfahrungen verweigern wir intensive Beziehungen und gehen Menschen aus dem Weg. Am Ende erwarten uns Alleinsein und Einsamkeit.

Eine fehlende sichere Bindung

Die ersten drei Lebensjahre eines Menschen sind entscheidend für seine Bindungsfähigkeit. Das in dieser Zeit erlernte Bindungssystem bleibt das ganze Leben lang aktiv. Wenn ein Kind gute Erfahrungen macht, kann es psychische Sicherheit entwickeln. Ohne sichere emotionale Bindung hingegen kann ein Mensch sich nicht offen entfalten. Eine mögliche Folge: Menschen sehnen sich nach Nähe, aber wenn sie entsteht, können sie diese nicht ertragen. Die Bindungstheorie (1) besagt, dass der Mensch von Geburt an ein biologisches Bedürfnis nach Bindung hat. Durch Weinen, Rufen, Anklammern und Nachfolgen sucht das Kind Schutz und Zuwendung. Entscheidend ist, dass die Eltern und später andere Bezugspersonen feinfühlig darauf reagieren. Das Kind soll bekommen, wonach es verlangt. Wenn aber Kinder gestreichelt und geküsst werden, obwohl sie es nicht wünschen, ist das ein störender Eingriff in das Selbstbestimmungsrecht des Kindes. Eltern haben also die Aufgabe, die Bedürfnisse des Kindes wahrzunehmen und angemessen zu reagieren.

Bindungsstile (2):

 

  1. Sichere Bindung: Sicher gebundene Menschen hatten als Kinder Bezugspersonen, die ihnen Ruhe, die nötige Distanz und Nähe sowie Berechenbarkeit vermittelt haben. Als Kinder zeigen sie ihren Kummer über eine Trennung, reagieren bei einer zeitweisen Trennung mit Traurigkeit und suchen bei der anschließenden Wiedervereinigung die Nähe zur Bezugsperson. Als Erwachsene können sie frei positive wie negative Erfahrungen mit ihren Eltern schildern. Sie haben eine positive Sicht von sich selbst und von anderen. Meistens verkraften sie die Widrigkeiten des Lebens leichter.

  2. Unsicher-distanzierte und vermeidende Bindung: Diese Kinder zeigen ihren Schmerz nicht. Sie tun so, als sei alles in Ordnung. Der Wunsch nach Nähe wird erst gar nicht gezeigt, da er ohnehin nicht beantwortet wird. Sie tun sich schwer, feste Freundschaften zu pflegen. Als Erwachsene haben sie oft Probleme mit Nähe. Sie lassen andere nicht an sich herankommen, weil sie Angst vor Enttäuschungen haben. Viele idealisieren ihre Eltern und haben eine negative Sicht von ihren Mitmenschen. Zwischenmenschliche Beziehungen und emotionalen Bindungen haben für sie keine große Bedeutung.

  3. Unsicher-ambivalente (verstrickte) Bindung: Diese Kinder haben keine berechenbaren Bezugspersonen. Bei vorübergehenden Trennungen schreien sie, aber wenn ihre Bezugsperson da ist, reagieren sie aggressiv und wehren jegliche Zuwendung ab. Sie suchen gleichzeitig Nähe und sind ärgerlich auf ihre Bindungsperson, weil deren Verhalten nie konstant ist. Als Erwachsene können sie intensive Nähe zulassen und im nächsten Moment davor flüchten. Sie können bis ins Detail aus ihrer Kindheit berichten, aber in verwirrender Weise. Sie hadern immer noch mit den Eltern.

  4. Desorganisierte Bindung: Kinder mit diesem Bindungsstil wissen nicht, wie sie reagieren sollen. Manchmal sind ihre Bewegungen stereotyp und das Geschehene wird nicht zusammenhängend berichtet. Die meisten sind traumatisiert. Sie wurden von der engsten Bezugsperson ignoriert oder zur Befriedigung derer Bedürfnisse missbraucht. Viele erleben sexuelle Gewalt oder massive Verwahrlosung. Als Erwachsene sind sie unzuverlässig und kaum berechenbar. Die emotionale Vernachlässigung kann viele Folgen haben: häufige abwertende Ausdrucksweise, primitive Sprache, Borderline- oder andere Persönlichkeitsstörungen.

Mit Abnahme des Bildungsniveaus nehmen Bindungsstörungen zu. Vor allem bei Kindern von Eltern mit übermäßigem Drogen- oder Alkoholkonsum oder ausgeprägter Gewaltbereitschaft sind Bindungsstörungen stärker ausgeprägt. Diese Erlebnisse aus der Kindheit wirken sich immer auf eine spätere Partnerschaft aus (3): Menschen, die das elterliche Erziehungsverhalten als negativ empfinden, haben häufiger Probleme mit der Partnerschaft. Sie fühlen sich wenig akzeptiert, können sich nur schwer öffnen und suchen in Notzeiten weniger Trost bei anderen. Doch Bindungsstile sind veränderbar. Positive Bindungserfahrungen im Laufe des weiteren Lebens können die Wunden aus der frühen Kindheit heilen lassen.

Zerstörende Prägungen

Nicht nur ein falsches Verständnis von Selbstverwirklichung und der erlernte Bindungsstil aus der frühen Kindheit können uns daran hindern, uns auf andere Menschen einzulassen. Die Gründe für Misstrauen können vielfältig sein. Viele Menschen haben gravierende Enttäuschungen erlebt oder schwere Erfahrungen gemacht, die ihre Beziehungsfähigkeit anhaltend beeinträchtigen. Sexueller Missbrauch führt oft zu einer emotionalen Abhärtung und Gefühllosigkeit, um nur ein Beispiel zu nennen. In manchen Familien werden Kinder von der dort vorherrschenden Atmosphäre geradezu „programmiert“. Wenn in einer Familie etwa sehr viel kritisiert wird, übernehmen die Kinder dieses Verhalten. Sie betrachten als Erwachsene dann auch andere übermäßig kritisch. Andere wollen genau den Kontrast zu den Eltern leben und fühlen sich nur mit Konflikten wohl. Die nächsten suchen sich ständig Krisen, die sie lösen können. Auch die Berufswelt kann Bindungsunfähigkeit hervorrufen. Nicht wenige Menschen haben wegen der Arbeit zu wenig Zeit, um sich in andere Menschen zu investieren. Sie leben deshalb nur kurzfristige Beziehungen. Viele haben auch Angst vor einem Karriereknick oder Jobverlust und schieben den Kinderwunsch so lange heraus, bis er nicht mehr zu realisieren ist. Sie haben im Alter zwar Erfolg im Beruf vorzuweisen, aber keine Familie mehr.

Wie Bindungsfähigkeit wachsen kann

Bindungsfähigkeit fängt immer bei uns selbst an (4). Wichtig ist nicht, welche Konflikte Beziehungen mit sich bringen, sondern wie wir damit umgehen. Menschen sind immer beängstigend. Man weiß nie, wie der andere reagieren wird. Das ist normal. Wenn wir aber erwarten, dass uns irgendwann der Traumpartner begegnet, mit dem wir uns immer super verstehen, werden wir nicht bindungsfähig. Wir müssen unseren Anteil an einer Beziehungsproblematik erkennen, um beziehungsfähig zu werden. Wenn diese Probleme nicht gelöst werden, treten sie auch in anderen Lebensbereichen wieder auf: bei Freunden, im Beruf, in der Kirchengemeinde. Nur durch Annahme des eigenen Schmerzes kann neues Leben entstehen:

  • Wie trage ich dazu bei, dass ich enttäuscht werde? Habe ich vielleicht unbewusst einen Partner gesucht, der weit entfernt wohnt, um damit Nähe aus dem Weg zu gehen? Habe ich eine zu romantische Vorstellung von meinem Partner, die vielleicht durch Filme geformt wurde? Glaube ich an ein Idealbild, dem der Partner entsprechen soll? Oder kann ich ihn so annehmen, wie er ist? Habe ich die negativen Eigenschaften bei mir und dem anderen zuerst ausgeblendet und jetzt fallen sie mir auf? Sind Grenzen, die ich mir in der Beziehung gesetzt habe, in Bezug auf Nähe, Geld, Offenheit, Zärtlichkeit, Beruf oder Wohnort, überhaupt angemessen? Hat die Verliebtheit mich blind gemacht für eine gewachsene und realistische Nähe?
  • Wie trage ich dazu bei, dass andere enttäuscht sind? Habe ich meinem Partner etwas versprochen oder Zusagen gemacht, die ich eigentlich nicht halten kann? Habe ich Erwartungen geweckt, die ich nicht erfüllen kann?
  • Was könnte ich in Zukunft anders machen? Welche Schlussfolgerungen ziehe ich aus den Antworten zu den ersten zwei Fragen? Mit wem könnte ich darüber reden? Wer könnte mir bei einer Reflexion helfen?

Mich der Vergangenheit stellen

Unsere Bindungsfähigkeit entwickelt sich wie gesagt durch die Beziehungen in unserem Leben – zu unseren Eltern, Geschwistern und nahestehenden Personen. Menschen, die mit guten Beziehungen durchs Leben kommen, sind die Ausnahme. Die meisten erleben zahlreiche Verletzungen. Diese müssen wir uns näher ansehen und verarbeiten. Wir müssen neue Denkmuster und Verhaltensweisen einüben, sonst übertragen wir unsere Rückschlüsse aus Verletzungen auf weitere Beziehungen.

Mich selbst lieben

Wenn wir keine liebevolle Beziehung zu uns selbst haben, werden wir kaum liebevoll zu anderen sein können. Deshalb ich es wichtig, dass wir unsere Bedürfnisse wahrnehmen und definieren, unseren Alltag gestalten und nicht nur gestalten lassen und uns selbst achten und annehmen. Gelingt das nicht, wollen wir uns mit dem Partner ergänzen, was dieser gar nicht leisten kann. Irgendwann ergreift er die Flucht. Wer sich nicht selbst achtet, Fragen nicht zulässt, seine Bedürfnisse nicht eingesteht und andere auf einen hohen Sockel hebt, belastet Beziehungen. Wer kein gesundes Verhältnis zu sich selber hat, verliert schnell seine Grenzen, verleugnet seine Werte und versäumt seine Ziele. Menschen, die sich für andere aufopfern, ohne dabei Rücksicht auf sich zu nehmen, verausgaben sich und erdrücken andere. Was kann man dagegen tun? Nehmen Sie sich Zeit für sich. Treffen Sie Entscheidungen für eigene Interessen und Meinungen und geben Sie ihnen Raum. Gestehen Sie sich ihre Angst vor dem Loslassen oder Nicht-gemocht-Werden ein. Üben Sie, alleine zu sein. Lernen Sie, Ihre eigenen Bedürfnisse wahrzunehmen und zu artikulieren. Kurzum: Werden Sie Ihr größter Fan. Suchen Sie sich Unterstützung bei guten Freunden oder einer Beratungsstelle.

Mich zeigen, wie ich bin

Beziehungen gelingen nur, wenn wir uns immer wieder bemühen, uns so zu zeigen, wie wir wirklich sind, wenn wir uns verletzlich machen. In den Momenten, in denen wir in einer Beziehung Schwächen zugeben, entsteht Tiefe. Fragen Sie sich also: Wie viel teile ich dem anderen wirklich von mir, aber auch aus dem Alltag mit? Wo verstecke ich mich, vielleicht auch hinter zu viel Arbeit, zu vielen anderen Interessen?

Das sind nur einige erste Impulse, um die eigene Bindungsfähigkeit zu stärken. Fakt ist: Bindungsfähigkeit kann man lernen. Auch noch im Alter. Sie entsteht über einen längeren Prozess, der ehrlich und liebevoll gestaltet werden muss. Dabei können gute Freunden oder Berater helfen. Machen Sie sich auf den Weg! Der Weg lohnt sich. Für Sie. Und für die Menschen um Sie herum.

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Fußnoten:

(1) Vgl. Karin und Klaus E. Grossmann: Bindungen – das Gefüge psychischer Sicherheit, Klett-Cotta, 2004

(2) nach: Karl H. Brisch: Bindungsstörungen. Von der Bindungstheorie zur Therapie, Klett-Cotta, 2003

(3) Psychologie heute, Januar 2005: Zum Thema Bindung und Lebensglück, S. 20 – 27

(4) vgl. Steven Carter, Julia Sokol: Lauf nicht vor der Liebe weg!

 

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